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Altorfers Splitter, 12. Mai 2020


Kari, irgendwie fröhlich: Corona hat mein Leben verändert. Ich habe gelernt, Hefe anzusetzen, habe auf uralten Fötelis längst verstorbene Verwandte erstmals kennengelernt und ich habe meine verschollene Querflöte gefunden und erstmals seit 35 Jahren darauf zu spielen begonnen.

Angeklagte: Der Mann starb eines natürlichen Todes. – Richter: Aber Sie haben ihn doch vom Dach gestossen. – Na und? Schwerkraft ist natürlich.

Aber zurück zu Corona und noch einmal: Die durchschnittliche Lebenserwartung eines/einer 80-Jährigen (all inclusive, dh mit oder ohne Vorerkrankungen – wobei: ohne gibt's ohnehin nicht in diesem Alter!) beträgt 10 Jahre, die eines/einer 65-Jährigen sogar 20 Jahre – und keiner weiss, wer von denen (egal, ob gesund oder krank) vielleicht noch 30 und wer nur noch ein halbes Jahr leben wird. Dass nur Leute an Corona sterben, die ohnehin nur noch ein paar Monate oder 1 Jahr gelebt hätten, ist eine garantiert falsche Spekulation (oder eher die «Hoffnung» derjenigen, die das behaupten). Richtig ist: es sterben an Corona viele 80-Jährige, die noch 15 Jahre gelebt hätten und 95 Jahre alt geworden wären.

Niemals, meint Marcel, der nette Datenschutzfetischist, werde er die Tracing-App auf sein Handy laden. Auch nicht freiwillig. Was er nicht sagt, vermutlich nicht einmal denkt, aber eigentlich meint: Es genügt, wenn die Entwickler und Verkäufer der 107 Apps auf seinem Smartphone und dazu Facebook, Google, Amazon, die Wetter-Apps und eigentlich jeder Dödel, von dem er sich eine App hat aufschwatzen lassen, Bescheid weiss, wann er sich wo wie lange aufgehalten, wieviel er womit wann wofür bezahlt und in der Nähe von wem er sich wie lange aufgehalten hat – da versteht man doch, dass er nicht zusätzlich noch akzeptieren kann, dass eine Tracing-App erfährt, ob er einem Corona-Infizierten begegnet ist.

Im Zusammenhang mit den Riesensummen, die wir für den Schutz vor dem Coronavirus ausgeben, war zu lesen: «Unsere Gesellschaft hat verlernt, mit dem Tod umzugehen. Es gilt offenkundig nur eine Devise: Langes Leben, am liebsten Unsterblichkeit, koste es, was es wolle! Wer sagt: ’Der Tod gehört zum Leben’, gilt als amoralischer Menschenverächter.» (Ruedi Noser) Man kann diese Sätze für richtig und angemessen halten, als berechtigte Kulturkritik, als zutreffende Beschreibung der psychischen Verfassung unserer Gesellschaft. Ja, ja, stimmt, wir haben den Tod verbannt aus unserem Bewusstsein. Aber ihn genau dann wieder als Teil des Lebens zu entdecken und zu thematisieren, wenn er vor allem andere betrifft – Alte und Vorerkrankte, so denkt man – und die Nicht-Betroffenen viel Geld kostet, ist ziemlich billig. Wenn nicht schäbig!

Aber Ruedi Noser hat auch recht: Da, wo er sagt, wir (Schweizer) sollten einen «schweizerischen», unserer Demokratie würdigen Weg finden aus der Krise. Keinen totalitären chinesischen, keinen far-niente italienischen, keinen ignoranten amerikanischen, auch nicht einen diskussionsbesoffenen deutschen oder einen spekulativen schwedischen, sondern einen schweizerischen. Gut so!

Man kann Statistik auch so lesen – und manche tun das: Bis Ende April 2020 sind auf der ganzen Welt etwa 18‘800'000 Menschen gestorben (Quelle: worldometer). Da fallen 250'000 Corona-Tote selbstverständlich nicht auf. Genau so wie die 220'000, die im Jahr 2004 durch einen Tsunami umkamen, statistische kaum Relevanz erlangten. Was also sollen 2000 Tote an Corona in der Schweiz? Von Übersterblichkeit keine Spur. Wer so argumentiert, hat zwar recht. Aber er hat nicht begriffen, dass im globalen Kontext fast gar nichts wichtig ist. Dass Ende Jahr nicht einmal 8 Millionen tote Schweizer für die Statistik der weltweiten Sterblichkeit von Belang wären. Hingegen sind 114 Tote in Woche 14/20 im Tessin im Vergleich zu 46 im Vorjahr (beziehungsweise 65 in Woche 11/20 anstelle von 39, 64 in Woche 12/20 anstelle von 33, 88 in Woche 13/20 statt 47, 90 in Woche 15/20 statt 49 oder 55 in Woche 16/20 statt 40 – summa summarum also 478 anstelle von 254 Tote in knapp zwei Monaten) für einen kleinen Kanton eben sehr wohl von Bedeutung sind. Man nennt das «Übersterblichkeit» – etwas, von dem die Corona-Muffel behaupten, es gebe sie nicht – selbstverständlich unter Verweis auf die weltweite Todesstatistik. Aber so ist es halt: Gewisse Vergleich sind absolut sinnlos. Und Sinnlosigkeit wird leider nicht von allen als solche erkannt.

Werbung eines Coiffeurs nach Beendigung des Lockdowns: «Yes, we kämm!»

Viele hielten Donald Trump zwar immer für dumm, aber schlau und für zwar einfältig, aber irgendwie clever. Eine Kombination, die zwar unappetitlich mitzuerleben und mitanzuhören ist, aber politisch durchaus erfolgreich und auch nicht unanständiger als die Lobbyhörigkeit und Abgehobenheit des Politestablishments. Immerhin hat Trump – im Gegensatz zu den meisten seiner Vorgänger – noch keinen Krieg angezettelt und keine Killerdrohnen über die ganz Welt geschickt. Und er hat sogar mit seiner simplen Denke manch komplizierte Zusammenhänge so extrem vereinfacht, dass bisher verborgene Kerne sichtbar wurden – erschreckend platt und brutal real. Dummerweise kam jetzt aber Corona. Und das winzige Virus will sich ums Verrecken nicht Trumps intellektueller Begrenztheit und seinem schwer erträglichen, aber offenbar ansteckenden Optimismus anpassen. Es tut, was es als Virus tun muss und nicht anders kann: sich ausbreiten, Wirte suchen, sich vermehren und einen Teil seiner Wirte umbringen. Da helfen weder Dummheit noch Optimismus, weder ignorieren noch drohen, kein «my nation first» und kein Deal. Leider, leider wird an den Folgen von Trumps Unfähigkeit, das Wesen eines wenige Dutzend Nanometer grossen Erbgutstrangs zu erkennen, die ganze Welt leiden, nicht nur seine Amerikaner.

Der dumme Spruch am Ende: Der Vater pupst, die Kinder lachen, so kann man doch mit kleinen Dingen, vielen Leuten Freude machen.

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