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Altorfers Splitter


Kari, augekneifend: Ich hatte ein einschneidendes Schlüsselerlebnis: Die Tür ist zugefallen und ich konnte sie nicht mehr öffnen.


Die Restaurants sind wieder für Gäste offen, und siehe da: noch nie erschienen einem die Beizer und das Personal an den Tischen – vom Munotblick bis zum Gemeindehaus Beringen und viele nicht erwähnte dazwischen – so aufgekratzt, so freundlich, so fröhlich. Einbildung vielleicht? Weil man sich freut, wieder mal ausser Haus essen zu dürfen? Eher nein. Noch nie hörte man so häufig «Ich freue mich.» oder «Ich bin ganz aufgeregt.» oder «Danke, dass Sie da waren.» oder auch «Wär’s noch länger gegangen, hätte ich meine Pension anzapfen müssen, aber verglichen mit andern (Kollegen und Menschen in fernen Ländern) ging’s und geht’s uns eigentlich ganz gut.» Noch nie gab’s so viele Geschenke, vom süssen, Kindheitserinnerungen weckenden, händischen kolumbianischen Schokoladenschleck bis zur Pfingstrose beim Abschied. Hat uns Corona etwa gut getan? Einigen von uns? War Corona womöglich nicht nur ein tragisches Geschehen? Haben wir und hat – schwer fällt’s, dies zu schreiben – unsere Regierung doch nicht alles versemmelt, vertrödelt, zer-ordnet? Zwar nicht optimal regiert, aber am Ende vielleicht doch ein wenig besser als die meisten Nachbarn? Jedenfalls, die gute Laune, die den Ärger der vergangenen Monate im Moment «alt» aussehen lässt, suggeriert das. Geimpfte sind besonders gut drauf – eine grosse Sorge weniger. Kaum einer schimpft über die wenigen Impfmuffel, vielmehr: «Ach, lassen wir ihnen ihren Willen. Schön, wenn nichts passiert, und wenn doch, sind sie wenigstens selber Schuld.» Was man von den meisten Pechvögeln, die’s ausgerechnet gegen Ende (hoffentlich) der Pandemie erwischt, nicht sagen kann. Corona ist nicht vorbei, es sterben noch immer Leute, die das nicht wollen und die das nicht müssten. Ein paar Gedanken in Richtung Intensivstationen, zum noch immer geforderten Personal und den noch immer schwer kranken Patienten und Angehörigen, müssen die Freude über wiedergewonnene Freiheiten nicht ruinieren. Nur ins rechte Licht rücken: Wir sind noch einmal davon gekommen. Wir haben so manches neu entdeckt und gelernt. Wir haben etwas verloren, es vermisst und sind daran, es wiederzubekommen. Ein gutes Gefühl. Der Sommer kann kommen. Und Herbst und Winter werden wir auch überstehen. Wie jede Krise. Soll noch einer sagen, der Satz «Krisen sind immer auch Chancen» sei Bullshit. Doch, ist er. Stimmt aber trotzdem.


Man sollte sich jeden Tag eine halbe Stunde für seine Sorgen und Nöte reservieren – und in diesen dreissig Minuten ein Nickerchen machen. (Rat von Abraham Lincoln)


«Mitgefühl ersetzt kein Recht«, sagte ein Ex-Bundesverfassungsrichter. «Wer Moral anstelle von Recht setzt, fördert die Erosion des Rechts.» Viele, die sich moralisch im Recht fühlen, sehen das anders; sie glauben, sich nicht ans Recht halten zu müssen.


Der leider wahre Spruch am Ende: Gefälligkeiten rächen sich.

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