top of page

Altorfers Splitter – ein letztes Mal(?) Corona

2. Juni 2020


Kari, desillusioniert: Wer beschliesst, sich keine Illusionen mehr zu machen, hat sich soeben welche gemacht.


Das hat jemand auf Facebook gepostet, der einen geliebten Menschen in viel zu jungen Jahren verloren hat. Alles bekannte Zitate, aber wert, wiederholt zu werden. «Das Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.» (Albert Schweitzer) «Die Summe unseres Lebens sind die Stunden, in denen wir liebten.» (Wilhelm Busch) «Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.» (Antoine de Saint-Exupery) «Es gibt keinen Weg zum Glück, Glück ist der Weg.» (Buddha) «Echte Liebesgeschichten gehen nie zu Ende.» (Marie von Ebner-Eschenbach) «Liebe ist das Einzige, was wächst, indem wir es verschwenden.» (Ricarda Huch)


Erstaunlich, wie schnell man sich an neue Umstände gewöhnt. Vor allem wenn sie auch ihre angenehmen Seiten haben. Wie anders ist zu erklären, dass sich bei nicht wenigen Zeitgenossen bereits heute, nach rund 80 Tagen «Corona», eine geradezu nostalgische Sehnsucht nach genau diesen 80 guten «alten», langsam entschwindenden Tagen entschleunigter Corona-Beschränkung breit macht? Eine Zeit, in der niemand Küsschen, Küsschen und allzu langes beieinander Verweilen und schon gar keine Besuche oder Einladungen erwartete. In der die Strassen und der Himmel leer waren, man neue, zu Fuss erreichbare Gegenden kennenlernte, den eigenen Garten und verschütte Koch-, Mal- oder Musikkünste neu kennenlernte, merkte, dass es auch ohne Meetings geht, man alte Schwarzweiss-Filme und Fotos aus der Kindheit wieder entdeckte. Eine Zeit, in der man für fast nichts selber zuständig war – Herr Koch und Herr Berset nahmen einem jegliche Verantwortung ab. Ferien wo? Wann? Mit dem Auto, dem Zug, dem Flugzeug? Wo und mit wem Essen gehen? Ins Fitness? Zum Coiffeur? Nichts, gar nichts gab es zu entscheiden. Was für eine lange nicht mehr erlebte Wolhltat: zu nichts verpflichtet zu sein, ausser zur Unterlassung jeglicher Überflüssigkeiten. Ach, diese gute alte Corona-Zeit.


Die Aera Koch ist zu Ende. Gäbe es die Wahl zum Schweizer des Jahres noch, er würde mit Abstand dazu gewählt. Asketisch, etwas langweilig, bescheiden, anticharismatisch, nicht immer verständlich, dafür loyal zum Chef, geduldig, vermutlich tüchtig, nie klagend, verständnisvoll auch gegenüber Verständnislosen, tierliebend, vertrauens- und glaubwürdig, selbst wenn er Unsinn erzählte. Falls es über ihn je eine Homestory gegeben hat (oder geben wird), dann sicher in der Schweizer Illustrierten. Die Schweiz hat die Corona-Krise – bis heute – so gut gemeistert wie kaum ein anderes Land. Leute, die uns Schweizer nicht kennen, würden sagen «trotz», die Schweizer sagen «wegen» Herrn Koch.


So etwa tönt es heute in den sozialen Medien: «Was bleiben wird, ist nicht ein Virus, sondern eine nicht abzusehende Wirtschaftskrise, die ein Hundertfaches an Opfern fordern wird als die angebliche Corona-Epidemie.» Oder: «Verantwortlich sind die, die beim Anheizen der Hysterie mitgemacht haben...» Oder so: «Zu keinem Zeitpunkt war es gerechtfertigt, von hunderttausenden Todesopfern zu sprechen. Jeder, der dies tat, muss sich unwissenschaftliche Panikmache vorwerfen lassen.» Oder dann: «Von Anfang an war erkennbar, dass der Schutz der Risikogruppen am effektivsten gewesen wäre. Der Rest der Gesellschaft hätte sich ohne Gefahr für die Allgemeinheit durchseuchen können.» Die das schreiben, sind dieselben, die, wenn die Pandemie so ausser Kontrolle geraten wäre wie in Spanien, Norditalien, im Elsass oder in den USA, in Brasilien, Ecuador, Mexiko, heute im Brustton der Überzeugung schreiben würden, es sei «von Anfang an erkennbar gewesen, dass …». Sie haben und hatten es nie nötig, sich epidemiologische Kurven anzuschauen oder sie gar zu interpretieren. Sie tun es auch heute noch nicht. Sie vertrauen vielmehr darauf, dass es nichts Sichereres gibt als das Vorhersagen der Vergangenheit, dass sich eh niemand daran erinnert, wenn man ein paar Wochen zuvor das Gegenteil behauptet hat. Vor allem aber schaffen sie es, zu verdrängen, dass es eine Vergangenheit gibt, die nur deshalb nicht eingetroffen ist, weil andere sie verhindert haben.


Die frivole Gisela ärgert sich über Verharmloser: Inzwischen sind in den USA am Coronavirus doppelt so viele Menschen gestorben, wie Amerikaner im Vietnamkrieg umgekommen sind. Und die USA werden’s locker noch auf das Dreifache schaffen. Kein Problem: «It’s just a flu.» («Es ist nur eine Grippe.») Aber vielleicht war der Vietnamkrieg ja auch nur eine Art Prügelei unter Hooligans.


Lidia am Telefon: «Du, ich muss aufhängen, heute nachmittag muss ich einkaufen für alte Leute, die nicht mehr nach draussen dürfen.» – «Bitte? Lidia, du gehörst doch auch zur Risikogruppe. Du solltest dir das Essen liefern lassen.» – «Spinnst du?» – «Lidia, du bist 81.» – «Eben, sag ich doch, ich kaufe für alte Leute ein. Richtig alte.»


Der dumme Spruch am Ende: Karrieren zimmern sich am besten aus Brettern, die andere vor dem Kopf haben.

114 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


Beitrag: Blog2_Post
bottom of page